Montag, 11. Juli 2016

Buchbesprechung von "Der wunderbare Weg" von Scott Peck

Besprechung des Buches von Morgan Scott Peck: "Der wunderbare Weg"

Eine neue Psychologie der Liebe und des spirituellen Wachstums[1]

weitere Buchzusammenfassungen von mir

Die Bekanntheit von Scott Peck im deutschsprachigem Raum beruht auf seiner großen Bedeutung für gemeinschaftsbildende Arbeit. In seinem Buch "Gemeinschaftsbildung: Der Weg zu authentischer Gemeinschaft" (Original 1988: "The Different Drum: Community Making and Peace") beschreibt Peck vier Entwicklungsphasen, durch die jede Gruppe gehen muss, um arbeitsfähig zu werden: Pseudogemeinschaft, Chaos, Leere und Authentizität. Heute beziehen sich viele sozialexperimentelle Lebensgemeinschaften auf seine Theorie der Gemeinschaftsbildung. Diese Buchbesprechung dient dazu, einen Überblick über die geistigen, psychologischen und spirituellen Überzeugungen von Scott Peck geben, die seinen Vorstellungen zur Gemeinschaftsbildung zugrunde liegen.

Scott Peck wuchs in einem nicht religiösen Elternhaus auf, hatte aber nach eigenen Aussagen stets das Gefühl einer wohlwollenden Präsenz von Gott, ohne dass er "ihm oder ihr" allzu viel Aufmerksamkeit schenkte. Als Heranwachsender und junger Mann zogen ihn die Schriften fernöstlicher und nahöstlicher Mystiker an. Erst später bekannte er sich zum christlichen Glauben und ließ sich taufen. Er behielt jedoch seine Wertschätzung für die mystischen Strömungen im Buddhismus und Hinduismus, im Judentum und im Islam. In das Buch "Der wunderbare Weg" flossen neben seinen spirituellen Einsichten auch seine Erfahrungen als Psychiater und Psychologe ein.

Im Teil I des Buches betont Peck die außergewöhnliche Bedeutung von Disziplin für das spirituelle Wachstum. Disziplin beinhalte vier wesentliche Fähigkeiten bzw. Bereitschaften:
  • Aufschieben von Belohnung
  • Annahme von Verantwortung
  • Bindung an die Wahrheit oder Realität
  • Ausgewogenheit

Zur Ausgewogenheit heißt es wörtlich (S. 87): "Reife geistige Gesundheit erfordert (…) eine außerordentliche Fähigkeit, immer neu ein empfindliches Gleichgewicht zwischen miteinander in Konflikt stehende Bedürfnissen, Zielen, Pflichten, Verantwortungen, Richtungen etc. herzustellen."

Zur Ausgewogenheit gehört auch eine besondere innere Haltung Neuem und Unbekanntem gegenüber. Peck bezeichnet sie als "Ausklammern". Wörtlich (S. 96): "Ausklammern ist die Herstellung eines Gleichgewichts zwischen dem Bedürfnis nach Stabilität und Bestätigung des Selbst und dem Bedürfnis nach neuem Wissen und neuem Verständnis, indem man zeitweilig das eigene Selbst aufgibt - es sozusagen beiseite stellt, um Raum zu schaffen für die Aufnahme neuen Materials in das Selbst." Ausklammern ist "das zeitweilige Aufgeben oder Beiseitestellen der eigenen Vorurteile, Bezugsrahmen und Wünsche" (S. 165).

Es gilt, "das Vertraute zum Schweigen (zu) bringen und das Fremde willkommen (zu) heißen. Jedes Mal, wenn ich mich einem fremden Objekt, einer fremden Person oder einem fremden Ereignis nähere, habe ich die Tendenz, das, was ich sehe, von meinen gegenwärtigen Bedürfnissen, vergangenen Erfahrungen oder zukünftigen Erwartungen bestimmen zu lassen. Wenn ich die Einzigartigkeit jeder Gegebenheit zur Kenntnis nehmen will, muss ich mir meiner vorgefassten Meinungen und typischen emotionalen Verzerrungen genügend bewusst sein, um sie lange genug auszuklammern, Fremdes und Neues in meiner Wahrnehmungswelt willkommen zu heißen. Diese Disziplin des Ausklammerns, Kompensierens oder Zum-Schweigen-Bringens erfordert große Selbstkenntnis und mutige Ehrlichkeit. Ohne diese Disziplin ist jedoch der gegenwärtige Augenblick nur die Wiederholung von etwas bereits Gesehenem oder Erlebtem. Damit wirklich Neues auftauchen kann, damit die einzigartige Gegenwart von Dingen, Personen oder Ereignissen in mir Wurzeln fassen kann, muss ich eine Dezentralisierung des Ego durchlaufen."

Im Teil II geht es um Liebe. "Die Liebe ist zu umfassend und tief, um jemals in Form von Worten wirklich verstanden, gemessen oder eingegrenzt zu werden. Dennoch lohnt sich der Versuch einer Annäherung auch dann, wenn er unzulänglich bleibt" (S. 104).

Peck definiert Liebe teleologisch "als den Willen, das eigene Selbst auszudehnen, um das eigene spirituelle Wachstum oder das eines anderen Menschen zu nähren". Das einzige wahre Ziel der Liebe sei spirituelles Wachstum oder menschliche Entwicklung. Liebe und Selbstliebe sind dabei untrennbar: "Es ist unmöglich, die eigene spirituelle Entwicklung zugunsten der eines anderen Menschen aufzugeben" (S. 106).

Liebe ist laut Peck anstrengend. "Überschreiten von Grenzen erfordert Anstrengung." Unsere Liebe wird "nur sichtbar oder real durch das, was wir tun (…) Liebe ist das, was Liebe tut. Liebe ist ein Willensakt – nämlich sowohl eine Absicht als auch eine Handlung." Denn: "Wille ist ein Wunsch, der intensiv genug ist, um in Handlung umgesetzt zu werden" (S. 107). Liebe liefert nach Peck die Motivation und Energie für die Disziplin.

Peck grenzt die reife Liebe energisch vom Zustand der Verliebtheit ab: "Sich zu verlieben, ist kein Willensakt. Es ist keine bewusste Wahl" (S. 114). Im Zustand der Verliebtheit fühlen wir uns "überhaupt nicht entwicklungsbedürftig; wir sind vollkommen zufrieden da, wo wir sind. (…) Auch den Geliebten sehen wir nicht als spiritueller Entwicklung bedürftig an" (S. 115). Der "Mythos der romantischen Liebe" sei "eine entsetzliche Lüge". Er führe zu "schrecklicher Verwirrung" und Leid. "Millionen von Menschen verschwenden ungeheure Energie mit dem verzweifelten und flüchtigen Versuch, die Wirklichkeit ihres Lebens in Übereinstimmung mit der Unwirklichkeit des Mythos zu bringen" (S. 118).

"Desto mehr lieben wir, desto mehr verschwimmt die Unterscheidung zwischen dem Selbst und der Welt. Wir identifizieren uns mit der Welt." Während unsere Ichgrenzen durchlässiger und dünner werden, erfahren wir mehr und mehr "jenes ekstatische Gefühl", das dem Zusammenbrechen der Ichgrenzen in  der Verliebtheit gleicht. "Nur sind wir hier nicht vorübergehend und auf unrealistische Weise mit einem einzelnen, geliebten Objekt verschmolzen, sondern realistischer und dauerhafter mit einem großen Teil der Welt. Vielleicht entsteht eine 'mystische Vereinigung' mit der ganzen Welt. (…) Es ist dies der Unterschied zwischen der Gipfelerfahrung, charakterisiert durch die Verliebtheit, und dem, was Abraham Maslow als 'Plateauerfahrung' bezeichnet hat. Die Höhen werden nicht plötzlich erspäht und dann wieder verloren; sie sind für immer erreicht" (S. 122).

Das Wort "Liebe" wird so "allgemein und unspezifisch" verwendet, dass "unser Verständnis der Liebe ernstlich beeinträchtig" wird. "Solange wir aber weiterhin das Wort "Liebe" gebrauchen, um unsere Beziehung zu allem zu beschreiben, was uns wichtig ist, was wir besetzen, ohne Rücksicht auf die Qualität  dieser Beziehung, so lange werden wir Schwierigkeiten haben, zwischen Weisheit und Narrheit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden." Ein Beispiel sind "die vielen Frauen, die ihre Kinder nur als Babys 'lieben' können. (…) Sobald das Kind seinen eigenen Willen zu behaupten beginnt (…) hört die Liebe der Mutter auf. Sie verliert das Interesse an dem Kind, zieht ihre Besetzung von ihm ab, nimmt es nur noch als lästig wahr" (S. 138-141).

"Liebe ist kein Gefühl. Zahllose Menschen, die ein Gefühl von Liebe haben und als Reaktion auf dieses Gefühl handeln, handeln auf alle möglichen lieblosen und destruktiven Arten. Andererseits wird ein wirklich liebender Mensch oft hebend und konstruktiv gegenüber einer Person handeln, die er oder sie bewusst nicht mag, die er zu diesem Zeitpunkt nicht liebt und vielleicht sogar auf irgendeine Weise abstoßend findet." Wirkliche Liebe "beinhaltet Verpflichtung und das Üben von Weisheit. (…) Verpflichtung bedeutet, dass (der Therapeut dem Patienten) zuhört, ob es ihm gefällt oder nicht. (…) Die allgemeine Tendenz, Liebe mit einem Liebesgefühl zu verwechseln, gestattet den Menschen alle möglichen Selbsttäuschungen." Dabei gilt: "Liebe ist, was Liebe tut." Liebendes Bemühen und Erweiterung des Selbst erfolgen "gegen unsere Trägheit oder gegen der Widerstand der Angst. (…) Liebe ist also eine Form von Arbeit oder eine Form von Mut." Die Arbeit besteht hauptsächlich in Aufmerksamkeit, die wir einem Menschen, den wir lieben, schenken. "Wir kümmern uns um das Wachstum dieses Menschen. Wenn wir uns selbst lieben, kümmern wir uns um unser eigenes Wachstum" (S. 150-155).

Ein wichtiger Akt der Liebe ist für Peck das Zuhören. Wer den Willen und die Anstrengung auf sich nehme, aufmerksam zuzuhören, liebe sich selbst, weil er bereit sei, an seinem Wachstum zu arbeiten. Zum Zuhören gehöre wesentlich das bereits erwähnte Ausklammern (das zeitweilige Aufgeben oder Beiseitestellen der eigenen Vorurteile, Bezugsrahmen und Wünsche), "damit man die Welt des Sprechers so weit wie möglich von innen her erleben kann, sozusagen in seine Haut schlüpft. Diese Vereinigung von Sprecher und Zuhörer ist tatsächlich eine Ausdehnung und Erweiterung unserer selbst und bringt immer neue Erkenntnisse." Ausklammern erlaubt "vorübergehend auch ein totales Akzeptieren des anderen" (156-165).

Je mehr man liebt, desto bescheidener wird man in den Augen von Peck. "Je bescheidener man aber ist, desto mehr scheut man vor der potenziellen Arroganz der Machtausübung zurück. (…) Wer bin ich, Gott zu spielen?" Zu versuchen, "den Lauf der Welt, der Menschheit zu beeinflussen"? Die Liebe zwinge uns, "Gott zu spielen – im vollen Bewusstsein der Tatsache, dass wir eben das tun. Mit diesem Bewusstsein nimmt der liebende Mensch die Verantwortung für den Versuch auf sich, Gott zu spielen, und zwar nicht achtlos, sondern so, dass der Wille Gottes fehlerlos erfüllt wird. (…) Nur aus der Demut der Liebe heraus können Menschen es wagen, Gott zu sein." Und Macht auszuüben (201 -202).

"Der wirklich Liebende nimmt den Geliebten immer als einen Menschen mit völlig getrennter Identität wahr." Entsprechend heißt es bei Kahlil Gibran: "Eure Kinder sind nicht eure Kinder. (…) Sie kommen durch euch, doch nicht von euch; und sind sie auch bei euch, so gehören sie euch doch nicht. Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, doch nicht eure Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken. (…) Ihr sollt euch bestreben, ihnen gleich zu werden, doch suchet nicht, sie euch gleich zu machen." Das "eigentliche Wachsen ist immer und unvermeidlich einsam", entsprechend dem, was Kahlil Gibran zu Ehe sagt: "Doch lasset Raum zwischen eurem Beieinandersein, (…) macht die Liebe nicht zu Fessel (…). Singet und tanzet zusammen, und seid fröhlich, doch lasset jeden von euch allein sein. (…) Gebet einander eure Herzen, doch nicht in des anderen Verwahr. Und stehet beieinander, doch nicht zu nahe beieinander. Denn (…) Eichbaum und Zypresse wachsen nicht im gegenseitigen Schatten" (S. 209-220).

Was macht Psychotherapie wirksam und erfolgreich? Es "sind menschliche Anteilnahme und Kampf. Es ist die Bereitschaft des Therapeuten, sich auszudehnen, damit der Patient wachsen kann – Bereitschaft, unsicheren Boden zu betreten, sich selbst auf einer emotionalen Ebene wirklich in die Beziehung einzubringen, tatsächlich mit dem Patienten und mit sich selbst zu kämpfen. Kurz gesagt: (…) Liebe. (…) Intensive Psychotherapie ist in vieler Hinsicht ein Prozess erneut durchlebter Elternschaft." Die Liebesgefühle des Therapeuten entsprechen für Peck denen guter Eltern für ein Kind. Geistig-seelische Krankheiten seien oft durch das Fehlen der benötigten elterlichen Liebe in der Kindheit verursacht (S. 226-228). Auch Laien könnten erfolgreiche Psychotherapie praktizieren, "solange sie wirklich liebende Menschen sind. (…) Wenn mich Patienten gelegentlich fragen, wann sie ihre Therapie beenden können, antworte ich: 'Wenn Sie selbst in der Lage sind, ein guter Therapeut zu sein.'"

Im Teil III geht es um Wachstum und Religion. Spirituelles Wachstum beginnt für Peck, "indem wir dem misstrauen, was wir bereits glauben, indem wir aktiv das Bedrohliche und Unvertraute suchen und willentlich die Gültigkeit dessen herausfordern, was wir zuvor gelernt hatten und was uns teuer war. Der Weg zu Heiligkeit führt über das Infragestellen von allem" (S. 251).

"Um lebensfähig und auf dem höchsten Stand unserer Möglichkeiten zu sein, muss unsere Religion eine ganz persönliche sein, geschmiedet durch das Feuer unserer Fragen und Zweifel im Schmelztiegel unserer eigenen Erfahrung der Realität." Bei unseren komplexen Lebensbedingungen müssen wir uns in vielen Fällen auf "Informationen aus zweiter Hand" verlassen, um zu funktionieren, wie z. B. auf die Aussagen eines Arztes über den Zustand meiner Nieren. "Wenn es sich jedoch" – so zitiert Peck den Theologen Alan Jones – "um Fragen dreht wie Sinn, Zweck und Tod, dann reicht Information aus zweiter Hand nicht aus. Ich kann nicht mit einem Glauben aus zweiter Hand an einem Gott aus zweiter Hand überleben." In gewisser Weise sei auch die Wissenschaft eine Religion, nämlich "eine Religion des Skeptizismus" (S. 252-253).

Patienten, die von sich sagen, sie seien nicht religiös, sagt Peck: "Sie haben eine Religion, sogar eine sehr tiefe. Sie verehren die Wahrheit. Sie glauben an die Möglichkeit Ihres Wachstums und Ihrer Besserung, an die Möglichkeit spirituellen Fortschritts. (…) Sie gehen das Risiko einer Therapie ein (…). Ihre Spiritualität ist ein großes Stück weiter als die Ihrer Eltern, die diesen nicht einmal den Mut gibt, die Dinge in Frage zu stellen" (S. 254). An mehreren Fallbeispielen illustriert Peck, was "mit dem Glauben an Gott (geschieht), wenn wir durch den Prozess der Psychotherapie wachsen".

Peck benennt zahlreiche negative Aspekte von Religionen: "Heilige Kriege. Inquisitionen. Verfolgung. Tieropfer. Menschenopfer. Aberglaube. Täuschung. Dogmatismus. Ignoranz. Scheinheiligkeit. Selbstgerechtigkeit. Starrheit. Grausamkeit. Bücherverbrennungen. Hexenverbrennungen. Hemmungen. Angst. Konformität. Pathologische Schuldgefühle. Wahnsinn" (S. 289). Doch Dogmatismus gebe es nicht nur bei gläubigen Menschen. Atheisten können "in Bezug auf ihren Unglauben ebenso dogmatisch sein wie ein Gläubiger in Bezug auf seinen Glauben" Skepsis gegenüber jeder Art von Dogmatismus ist Peck sehr wichtig. Tradierte Vorstellungen von Gott tragen für ihn vielfach nicht mehr:  "Der Gott, der vor der Skepsis steht, mag wenig mit dem gemein haben, der nach der Skepsis kommt" (S. 290-292).

In seiner psychotherapeutischen Arbeit machte Peck Erfahrungen des Wachstums seiner Patienten, für die er "keine logische Erklärung hatte", die also "wunderbar waren". So wurde er "offen für die mögliche Existenz der Wunderbaren" und begann, "das Alltagsleben routinemäßig mit einem Blick für das Wunderbare zu betrachten. Und je mehr ich hinsah, desto mehr fand ich." Es ist eine Frage des Bewusstseins. Maslow nannte es "being-cognition". Die Wahrnehmung des Wunderbaren bezieht sich nicht nur auf außerordentliche Erscheinungen, sondern auch auf ganz gewöhnliche, denn absolut alles kann dieses besondere Bewusstsein erwecken, wenn man ihm genügend Aufmerksamkeit widmet. Die Wahrnehmung des Wunderbaren erfordert keinen Glauben und keine Vermutungen. Es handelt sich nur um eine volle und konzentrierte Aufmerksamkeit für die Gegebenheiten des Lebens, d. h. für das, was so allgegenwärtig ist, dass man es gewöhnlich als selbstverständlich ansieht" (S. 299-300).

"Wir alle sind Individuen, doch wir sind auch Teile eines größeren Ganzen, vereinigt in etwas Umfassenden und Schönen, das sich der Beschreibung entzieht. Wahrnehmung des Wunderbaren ist die subjektive Essenz der Selbstverwirklichung, die Wurzel, aus der die höchsten Merkmale und Erfahrungen des Menschen erwachsen." Wir sollten "in den gewöhnlichen Alltagereignissen unseres Lebens nach Anzeichen für das Wunderbare suchen und gleichzeitig eine wissenschaftliche Orientierung beibehalten". Wir müssen "einen klaren Kopf behalten", denn wir "haben es mit außersinnlichen Wahrnehmungen und 'spiritistischen' oder 'paranormalen' Phänomenen" zu tun (S. 300-301).

Der abschließende Teil IV ist überschrieben mit Gnade. "Was will Gott von uns? (…) Gott will, das wir er (sie oder es) werden. Wir wachsen auf die Gottheit hin. Gott ist das Ziel der Evolution. Gott ist die Quelle der evolutionären Kraft, und Gott ist ihr Ziel. Das meinen wir, wenn wir sagen, Er sei das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende." Dieser an sich ganz einfache, aber anspruchsvolle Gedanke, der "von uns alles fordert, was wir geben können, alles, was wir haben", legt uns eine solche Bürde auf, dass wir "in schierer Panik" vor ihm davonlaufen. "Es ist eine Sache, an einen netten, alten Gott zu glauben, der für uns aus seiner machtvollen Höhe sorgt, die zu erreichen wir uns nie unterfangen können. Eine ganz andere Sache ist es, an einen Gott zu glauben, der eben gerade will, dass wir seine Stellung, seine Macht, seine Weisheit, seine Identität erreichen" (S. 348).

Ein solcher Glaube würde "uns die Verpflichtung auferlegen, das Mögliche zu erreichen. Doch die Verpflichtung wollen wir nicht. So hart wollen wir nicht arbeiten. Wir wollen Gottes Verantwortung nicht. (…) Wenn Gott im Himmel ist und wir hier unten und beides nie zusammenkommen kann, dann können wir ihm alle Verantwortung für die Evolution und die Lenkung des Universums überlassen. Wir können das Wenige tun, das uns möglich ist, um uns ein angenehmes Alter zu sichern, hoffentlich mit gesunden, glücklichen und dankbaren Kindern und Enkeln, doch darüber hinaus brauchen wir uns nicht zu plagen." Doch: "Gottes Verantwortung muss unsere eigene sein." Für unser spirituelles Wachstum gibt es letztlich "nur ein Hindernis, und das ist die Trägheit. (…) Trägheit ist das Gegenteil von Liebe." Trägheit ist "die Kraft der Entropie", die sich "in unser aller Leben manifestiert". Peck sieht die Trägheit, die er als die eigentliche Erbsünde versteht, als seinen "Hauptfeind" an. "Eine der wichtigsten Formen, die die Trägheit aufweist, ist die Furcht" (S. 348-354).

Für Peck ist das Böse real. "Es gibt wirklich Menschen und Institutionen von Menschen, die auf das Gute mit Hass reagieren und es zerstören würden, wenn sie dazu die Macht hätten. (…). Böse Menschen hassen das Licht, weil es ihnen sich selbst offenbart. Sie hassen das Gute, weil es ihre Schlechtigkeit offenbart;  sie hassen die Liebe, weil sie ihnen ihre Trägheit offenbart." Das Böse ist "die auf die Spitze, ins Extrem getriebene Faulheit oder Trägheit" (…) Die gewöhnliche Trägheit ist ein passiver Mangel an Liebe." Peck definiert "das Böse als Ausübung von Macht, also den Versuch, andere mit offenem oder verdecktem Zwang dem eigenen Willen zu unterwerfen, um die Ausdehnung des eigenen Selbst zur Förderung spirituellen Wachstums zu vermeiden. Gewöhnliche Trägheit ist Nicht-Liebe. Das Böse ist Anti-Liebe." Das Böse kann die Seele von Menschen zerstören. Glücklicherweise hätten die meisten Menschen einen "fast instinktiven Abscheu vor der Scheußlichkeit des Bösen" (S. 359-361).

"Die Entwicklung des Bewusstseins ist die Entwicklung bewussten Wissens gemeinsam mit unserem Unbewussten, das dieses Wissen bereits besitzt. Es handelt sich um die Synchronisation von Bewusstsein und Unbewusstem." Um zu erklären, "wieso das Unbewusste all das Wissen besitzt, das wir noch nicht bewusst erworben haben", postuliert Peck einen "Gott, der eng mit uns verbunden ist – so eng, dass er ein Teil von uns ist. Der nächstgelegene Ort, an dem wir nach der Gnade suchen können – ist in uns selbst." Die Auffassung, "unser Unbewusstes sei Gott" gleicht der "christlichen Konzeption  des Heiligen Geistes (…), der in uns allen wohnt". Für das Unbewusste, v.a. für das kollektive Unbewusste, verwendete C. G. Jung die Analogie eines "Rhizoms". Für Peck nährt dieses "unglaublich große, verborgene Wurzelsystem" die "winzige Pflanze des Bewusstseins (…), die daraus hervorsprießt". Das "eigentliche Leben (…) steckt im Rhizom" (S. 362-363).

Unser Unbewusstes weist uns darauf hin, wenn wir den Kontakt zur Wirklichkeit verlieren, durch "schlechte Träume, Angstanfälle, Depressionen und andere Symptome". Diese "unerwünschten Symptome geistig-seelischer Krankheit sind Manifestationen der Gnade. Sie sind die Produkte einer mächtigen Kraft, die ihren Ursprung außerhalb unseres Bewusstseins hat und die unser spirituelles Wachstum fördert." Sie zeigen uns, wenn wir "den falschen Weg eingeschlagen haben". Die Symptome verhelfen zur "Selbstkorrektur und zum Wachstum (…). Die Symptome und die Krankheit sind nicht das Gleiche. Die Krankheit besteht schon lange vor den Symptomen. Die Symptome sind nicht die Krankheit, sondern der Beginn ihrer Heilung." Sie sind ein "Phänomen der Gnade", eine "Gabe Gottes", eine "Botschaft des Unbewussten, um eine Selbstprüfung und Wiederherstellung einzuleiten". Die meisten Menschen weisen diese Gnade, diese Gabe zurück. Sie machen für ihre Symptome "oft auf subtile Art die Umwelt verantwortlich – lieblose Angehörige, falsche Freunde, geldgierige Firmen, eine kranke Gesellschaft oder sogar das Schicksal" (S. 373-378).

Für Peck ist der altgriechische Mythos des Orest und der Furien eine Metapher für den verantwortlichen Menschen. Orest tötet seine Mutter, um – wie es seine Pflicht war – den von ihr verübten Mord an seinem Vater zu rächen. So erfüllt sich ein Fluch, den die Götter über die Nachkommen des Atreus ausgesprochen hatten, nachdem dieser lästerlicherweise versucht hatte, mächtiger zu sein als die Götter. Der Muttermord war aber die größte Sünde, die ein antiker Grieche begehen konnte. Für diese tragische Sünde bestrafen die Götter den Orest damit, dass ihn die Furien mit erbarmungslosen Vorwürfen verfolgten. Nach vielen Jahren des Büßens halten die Götter erneut Gericht über Orest. Apollo verteidigt Orest damit, dass dieser ja keine andere Wahl hatte, als seine Mutter zu töten. Orest aber widersprach: "Ich war es, nicht Apollo, der meine Mutter ermordet hat." Die Götter sind von dieser absoluten Verantwortungsübernahme beeindruckt und befreien ihn und alle anderen Nachkommen des Artreus von dem Fluch. Sie verwandeln die Furien in Eumeniden, liebevolle Geister, die Orest mit ihrem weisen Rat von nun an beistehen (S. 379-380).

"Wenn man die Nähe zu Gott erlebt, erlebt man auch die Verpflichtung, Gott zu sein, Vermittler seiner Macht und Liebe zu sein. Der Ruf zur Gnade ist ein Ruf zu einem Leben anstrengender Fürsorge, des Dienens und aller dazu erforderlichen Opfer."Es ist "eine Sache unserer Wahl, ob wir von der Gnade gesegnet werden oder nicht". Die Gnade müssen wir uns verdienen. Dennoch: "Nicht wir kommen zur Gnade, sondern die Gnade kommt zu uns. Wir können uns noch so um sie bemühen, sie kann uns doch entgehen." Jene, "die einen Zustand der Gnade erreicht haben, denen 'dieses neue Leben aus dem Himmel' zuteil geworden ist", staunen geläufig "über ihren Zustand. Sie haben nicht das Gefühl, ihn sich verdient zu haben. (…) sie schreiben ihre Natur nicht ihrem eigenen Willen zu; vielmehr haben sie deutlich das Gefühl, dass die Güte ihrer Natur von Händen geschaffen wurde, die weiser und geschickter sind als ihre eigenen. Diejenigen, die der Gnade am nächsten sind, sind sich am meisten der geheimnisvollen Natur der Gabe bewusst, die sie erhalten haben" (S. 389-396).

Das Studium der Theologie ist eine relativ ungeeignete und nutzlose Vorbereitung auf das Kommen der Gnade. Gut vorbereitet sind wir, wenn "wir uns zu vollkommen disziplinierten und rundum liebenden Individuen erziehen". "Buddha fand die Erleuchtung erst, als er aufhörte, danach zu suchen – als er sie auf sich zukommen ließ." Doch hat unzweifelhaft zu seiner Erleuchtung beigetragen, dass "er mindestens sechzehn Jahre seines Lebens darauf verwendet hatte, sie zu suchen, sechzehn Jahre der Vorbereitung! Er musste sie also sowohl suchen als auch nicht suchen" (S. 397).

Serendipität[2] definiert Peck neu "als erlernte Fähigkeit, die Gaben der Gnade zu erkennen und zu nutzen, die uns aus dem Reich jenseits unseres bewussten Willens geschenkt werden. Mit dieser Fähigkeit werden wir feststellen, dass unsere Reise spirituellen Wachstums geleitet wird von der unsichtbaren Hand und der unvorstellbaren Weisheit Gottes, und zwar mit unendlich viel größerer Genauigkeit als der, zu der unser Bewusstsein ohne Hilfe fähig ist." Diese Auffassung sei schon von Buddha, Christus, Lao-tse und anderen Propheten vorgetragen worden (S. 400).

Viele passive, abhängige, furchtsame und träge Menschen wollen laut Peck "jeden Zentimeter des Weges gezeigt" bekommen und bewiesen haben, "dass jeder Schritt ungefährlich und der Mühe wert ist. Das ist nicht möglich. Denn die Reise des spirituellen Wachstums erfordert Mut und Initiative und Unabhängigkeit im Denken und Handeln. (…) Den Weg muss man allein zurücklegen. Kein Lehrer kann uns zum Ziel bringen. Es gibt keine im voraus festgelegten Formeln. Rituale sind nur Lernhilfen, nicht das Lernen selbst. (…) Es gibt keine Worte und keine Lehre, die den spirituellen Reisenden der Notwendigkeit entheben, seine eigene Methode zu suchen, mit Anstrengung und Angst seinen eigenen Weg durch die einzigartigen Umstände seines eigenen Lebens zur Identifikation seines individuellen Selbst mit Gott zu finden." Sobald wir Gott, die mächtige Kraft "jenseits unserer selbst und unseres bewussten Willens", die unser Wachstum fördert, wahrnehmen, fühlen wir uns nicht mehr bedeutungslos. Wir erkennen, dass unser spirituelles Wachstum "von größter Bedeutung für etwas Größeres als uns selbst ist. (…) Diese Zeit und dieser Raum existieren, damit wir sie auf unserer Reise durchschreiten. (…) Durch die Gnade wissen wir, dass wir willkommen sind" (S. 400-403).

1998 sprach Peck mit Theologie- und Psychologie-Studenten am Fuller Theological Seminary über sein Buch "Der wunderbare Weg". Für ihn war seine radikalste Aussage im Buch, dass die Ursache psychischer Erkrankungen eher im Bewusstsein als im Unbewussten liegen. Das bewusste Denken wolle bestimmte Wahrheiten nicht sehen und verdränge sie ins Unbewusste. Alle psychologische Störungen seien daher letztendlich Störungen des Denkens.


Kritische Würdigung
Auf mich als Arzt und Psychotherapeut wirken die im Buch dargestellten therapeutischen Ansätze und Fallbeispiele überwiegend überzeugend. Vor allem gefällt mir, dass Peck im anteilnehmenden und den Patienten von innen heraus verstehen wollenden Zuhören eine zentrale therapeutische Aufgabe sieht. Auch therapierte Peck seine Patienten offenbar mit  großem persönlichen Engagement. Das deckt sich mit meiner Erfahrung, dass viele Patienten die Führung durch einen aktiven Therapeuten benötigen und von einer allzu großen Distanz und Passivität des Therapeuten irritiert werden. Zugleich muss der Therapeut ausreichend abstinent bleiben, also dem Patienten möglichst nichts Eigenes überstülpen. Pecks Begriff des Ausklammerns strebt genau das an: Offenheit gegenüber Neuem und Unbekanntem, zeitweiliges Beiseitestellen des eigenen Selbst, v.a. der eigenen Vorurteile und Wünsche, einen inneren Raum schaffen für das, was vom Patienten kommt, das Fremde willkommen heißen.

Für Peck ist Psychotherapie v.a. eine Unterstützung des Patienten in seinem spirituellen Wachstum. Dazu soll der Patient erst einmal alle religiösen oder antireligiösen Einstelllungen, die ihn geprägt haben, in Frage stellen. Anstelle religiöser Erfahrung aus zweiter Hand soll der Patient seine eigenen Erfahrungen machen und seine eigene Religion finden. Überhaupt scheint Peck alles Dogmatische suspekt zu sein. Er selbst bekennt sich zum christlichen Glauben. Aber kirchliche Dogmen wie die Trinitätslehre spielen für ihn keine Rolle. Anderen religiösen Lehren und auch atheistischen und agnostischen Positionen gegenüber ist er sehr tolerant. Allerdings versucht er, seine Patienten und Leser zur Wahrnehmung des Wunderbaren zu ermutigen und sie für die Erfahrung des Göttlichen zu öffnen.

Etwas einseitig wirkt Pecks Definition der Liebe als Willensentscheidung für spirituelles Wachstum, für Verpflichtung und beständige Anstrengung. Befremdlich wirkt auf mich ein Satz wie "Die Liebe zwingt uns, Gott zu spielen". Peck scheint an sich selbst, an seine Patienten und an den Leser fast übermenschliche Anforderungen zu stellen. Etwas befremdlich und antiquiert wirkt auf mich auch Pecks Begriff der Gnade, die wir zu verspielen drohen, wenn wir der "Erbsünde" der Trägheit verfallen. Trotz dieser Einschränkungen kann ich den "Wunderbaren Weg" als lesenswertes Buch bezeichnen. 

Der wunderbare Weg von Scott Peck




[1] 7. Aufl. 2004, München: Goldmann. Am. Originalausgabe 1978: "The Road Less Travelled".

[2] Serendipität bezeichnet eigentlich das Phänomen, zu einer Erkenntnis zu gelangen oder etwas zu finden, nach dem man explizit nicht gesucht oder geforscht hat (wie z. B. die Entdeckung Amerikas durch Columbus).